Ein Netzwerk für Kiebitze, die Akrobaten der Lüfte

Wie sich der Landschaftspflegeverband (LPV) Dachau für den Wiesenbrüter Kiebitz stark macht und die Anlieger:innen ins Boot holt.

Weiße Brust, schwarze Kehle und Flügel und auf dem Kopf schwarze Federn - der Kiebitz macht was her.

Ein wachsamer Kiebitz mit den typisch schwarzen Kopffedern.
© Dübber/ALE Oberbayern

Ein taubengroßer Vogel mit grünschillernden Flügeln, weißem Bauch und auffälligen dunklen Federn auf dem Kopf – so schaut das Kiebitz-Männchen (Vanellus vanellus) aus. Durch seine besondere Färbung und seine auffällige Flugakrobatik während der Balz ist er unverkennbar. Die Weibchen sind sehr gut getarnt, um ihr Gelege am Boden zu schützen.

Sorgenkind der Zukunft
In Bayern wird der Bestand auf etwa noch 6000 bis 9500 Brutpaare mit stark abnehmender Tendenz geschätzt. Daher zählt die Art zur Rote Liste Kategorie „Stark gefährdet“. Versiegelung, intensive Nutzung und häufige Störungen sind die wichtigsten Gründe für den Rückgang des Kiebitzes. Handeln ist angesagt. Das hat sich die Geschäftsführerin des LPV Dachau, Esther Veges mit ihrem Team auf die Fahnen geschrieben und ein Netzwerk zum Schutz des Kiebitzes in den letzten sechs Jahren im Landkreis aufgebaut. Viel Aufklärungsarbeit ist nötig, um Landwirt:innen und Spaziergänger:innen zu überzeugen, während der Brutzeit von Anfang März bis Ende Juli an potenziellen Kiebitz-Standorten, behutsamer unterwegs zu sein.

Auf dem Boden zuhause
Kiebitze bauen ihre Nester auf dem Boden, daher nennt man sie Boden- oder Wiesenbrüter. Ein bisschen Moos, ein paar Gräser und Halme, eine kleine Bodenkuhle – fertig ist das Nest für vier Eier, die kleeblattförmig angeordnet werden. Darauf sitzt die Kiebitz-Henne bequem und in perfekter Balance.

Arbeitsteilung
Ursprünglich brüten Kiebitze in Kolonien auf nassen, extensiven Wiesen. Durch den Rückgang dieser Lebensräume weichen die Vögel im Landkreis Dachau zunehmend auf Äcker mit feuchten Stellen und lichter Vegetation mit kurzem Bewuchs aus. Das Vogelpaar hat während des Nistens eine klare Aufgabenteilung. Das Kiebitz-Männchen bewacht das Nest und lenkt mit seinem Flug Räuber und Spaziergänger ab, sollten sie dem Gelege zu nahekommen. Das Kiebitz-Weibchen sitzt auf den vier Eiern und fliegt nur im allerletzten Moment auf, denn dann sind die Eier ohne Schutz gegen Kälte und Nesträuber.

Die ersten beiden Monate
Sobald die Küken nach 28 bis 30 Tagen geschlüpft sind, folgen sie der Mutter als Nestflüchter zur Futtersuche. Nach einem weiteren Monat sind die jungen Kiebitze bereits flügge. Für sie sind feuchte, wenig bewachsene Mulden in den Wiesen überlebenswichtig. Sie picken mit ihren kleinen Schnäbeln dort in der feuchten Erde nach Insekten und Würmern. Auf hartem oder stark bewachsenem Untergrund sind ihre Schnäbel zu schwach und zu kurz, um erfolgreich Nahrung zu finden. Mit Tau benetzte, hohe Gräser können für die Jungen tödlich sein, wenn ihre Daunen feucht werden und damit nicht mehr ausreichend vor Kälte isolieren.

Naherholung und Tourismus
Neben den oben genannten Gefahren sind Spaziergänger mit und ohne Hund mittlerweile eine weitere sehr große Stress-Quelle. Naturfotografen, die es an sich gut meinen, haben den gleichen Effekt. Die Fluchtdistanz der Vögel liegt bereits bei etwa 70 Metern. Sind an einem sonnigen Sonntag viele Menschen unterwegs, fliegen die Alt-Vögel häufig auf und verbrauchen entsprechend viel Energie. Die Eier bleiben ungeschützt zurück und kühlen aus. Zudem haben Nesträuber dann ein leichtes Spiel, sich an den Eiern oder Küken zu bedienen. Sehr häufig geht dadurch das gesamte Gelege verloren.

Gefährliche Standorttreue
Die Kiebitze kehren jährlich auf ihrem Zug zu den gleichen bewährten Brutplätzen, zum Beispiel im Landkreis Dachau, zurück. Sie sind ausgesprochen standorttreu, was einerseits eine sinnvolle Überlebensstrategie für sichere Brut- und Futterplätze ist, andererseits jedoch zum Verhängnis werden kann, wenn sich die Nutzung dieser Flächen und die Lebensbedingungen für die Vögel im Laufe der Zeit verändern und so passende Regionen immer weniger werden.

Landwirtschaft
Die Kiebitz-Nester sind so gut getarnt, dass sie häufig erst im allerletzten Moment vom Maschinenstand aus von den Landwirt:innen gesehen werden. Deshalb sucht der LPV Dachau zu Beginn der Brutperiode ab Anfang März nach Nestern und markiert diese mit Stangen, um sie vor dem Überrollen durch landwirtschaftliche Maschinen zu bewahren. Parallel informiert Sebastian Böhm, der LPV-Ansprechpartner für alle Fragen rund um den Kiebitz, die betroffenen Landwirt:innen und kontrolliert wöchentlich die markierten Flächen bis Ende Juni. Böhm ist mit Herzblut dabei, ihn fasziniert besonders die Ästhetik der Vögel und ihr auffälliges Balzverhalten. Bei ihm hat sich zwischenzeitlich sogar eine emotionale Bindung zu ihnen entwickelt.

Artenschutzprojekt „Netzwerk Kiebitz“
Der LPV Dachau organisiert seit 2017 jährliche Stammtische mit den betroffenen Landwirten und setzt auf gute Kommunikation und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Anlieger:innen und den Spaziergänger:innen. Tägliche, flächendeckende Kontrollen der Kiebitz-Nester u.a. mit Unterstützung von ehrenamtlichen Helfer:innen sorgen für umfassende Kenntnisse zur Ökologie des Kiebitzes und für die sichernden Markierungen der Gelege.

Die „Letzten ihrer Art im Bereich Grünland“
Veges imponieren die Vögel. „Sie bleiben mutig sitzen, bis der Traktor ganz nah ist und fliegen dann erst weg. An ihnen lässt sich sehr gut die Funktionsfähigkeit von Landschaftsräumen und die enge Vernetzung von Tieren und Lebensraum ablesen. Der Kiebitz gehört zu den Watvögeln (Sammelbegriff für Vogelarten, die in Feuchtgebieten leben). Grundsätzlich ist er ausgesprochen zäh und widerstandsfähig. Ist er aus seinem Gebiet verschwunden, ist der Lebensraum definitiv nicht mehr in Ordnung“, erklärt sie. Veges freut sich jedes Jahr, wenn sie den auffälliger Kiebitz-Ruf „Kiju-witt“ hört, „er ist für mich das Zeichen für den beginnenden Frühling.“

Landschaftspflegeverband Dachau e.V.
Münchner Str. 37
85232 Bergkirchen-Eschenried
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22.03.2022

Regierungsbezirk: Oberbayern