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  • Sägen für die Vielfalt

Kulturhistorisch hat der Alpenraum ja einiges zu bieten. Doch in der oberbayerischen Gemeinde Prem pflegt man eine Besonderheit der Landschaftsgeschichte. Hier steht das Vieh auf Allmendweiden. Diese Form der gemeinschaftlichen Bewirtschaftung gibt es in ganz Deutschland nur noch selten. Für den Erhalt muss geschwendet werden. Geschwendet? Genau.

Die Moosreitener und Holzer Allmendweiden im Landkreis Weilheim-Schongau sind nicht gerade einfach zu bewirtschaften. Unübersichtlich, nicht immer leicht zugänglich, durchzogen von freien Streuwiesen, hier trockene, da vernässte Flächen und unterbrochen von Wald, Hoch- und Niedermooren. Ein hartes Geschäft für die Weidewirtschaft, doch ein höchst interessantes Standortmosaik für die Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren. Für einzelne Betriebe würde sich der Aufwand dort nicht lohnen, da braucht es andere Strategien. Deshalb betreibt man schon seit Jahrhunderten extensive Allmendweiden auf diesen Flächen. Die Weiden sind in gemeinschaftlichem Besitz und werden nach festgelegten Nutzungsrechten von Jungvieh „bestoßen“, also beweidet. Diese Form der Bewirtschaftung reicht bis ins frühe Mittelalter zurück.

Artenreiche Viehapotheken
So weit, so gut. Doch in den letzten Jahren drohten immer mehr Bereiche der Allmendweiden zu verholzen - Kiefern, Erlen und Fichten begannen sich auszubreiten. Ist daraus erst einmal Wald geworden, lassen sich dort kaum mehr artenreiche Weiden entwickeln und der kulturhistorische Wert dieser besonderen Bewirtschaftungsform geht unwiederbringlich verloren. Dem wollte man im Rahmen der Flurneuordnung gezielt entgegenwirken. „Wir haben punktuell Flächen ausgesucht, die interessant für die Artenvielfalt sind und eine gute Futterqualität haben. Denn eine krautreiche Weide ist gleichzeitig wie eine Apotheke für das Jungvieh“, sagt Baudirektor Guido Romor vom Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) Oberbayern. „Ziel war es, die für Flora und Fauna wertvollen Flächen mit der Wiederbeweidung aufzuwerten, damit die Biodiversität zu fördern und die einzigartige historische Kulturform der bestoßenen Allmendweiden zu bewahren.

Pflegen ist Ausgleich
Ausgleichsflächen für Wegebaumaßnahmen in den Flurneuordnungen sind in dieser Gegend rar. Deshalb stimmte das ALE mit der Unteren Naturschutzbehörde ab, mit Schwendmaßnahmen die Artenvielfalt aufzuwerten. Beim Schwenden werden Almweiden von jungen Bäumen oder holzigen Sträuchern befreit. Das verhindert, dass die Gehölze überhandnehmen und krautige Futterpflanzen verdrängen. Projektleiter Joachim Schmidt vom ALE Oberbayern hat die beteiligten Landwirte bei diesen Arbeiten begleitet – dafür stand er nicht nur mit fachlichem Rat am Rand, sondern hat auch tatkräftig angepackt. Er ist überzeugt, dass dies ein gutes Vertrauensverhältnis mit den Landwirten fördert.

So geht Schwenden
Mit Motorsense, Kettensäge oder manchmal auch der Sichel werden die Flächen „entbuscht“ und Gehölze auf Stock gesetzt, also knapp über dem Boden abgeschnitten. Die Wurzelstöcke bleiben meist in der Erde, größere werden aber bei Bedarf auch gerodet. Das Schnittgut verbrennen die Bauern entweder vor Ort oder verarbeiten es zu Brennholz und Hackschnitzel.
Doch ein Kahlschlag ist das Schwenden trotzdem nicht. Einzelne Bäume bleiben gerne als Schatten- oder Wetzbaum für die Tiere stehen. Joachim Schmidt bescheinigt den beteiligten Landwirten dabei ein gutes Gespür für die Besonderheiten ihrer Weiden: „Wacholderbäume sind dort zum Beispiel selten auf den Weiden und niemand würde auf die Idee kommen, sie umzuschneiden.“

Mit Schritt und Tritt zu mehr Vielfalt
Die alpine Flora hat auf den geschwendeten Wiesen nun gute Chancen. Mehr Licht und Luft ermöglicht es Mehlprimeln, Lungenenzian, Sumpfdotterblumen und vielen Orchideenarten, sich dort zu behaupten. Das fördert wiederum die Insektenvielfalt. Auch die Vogelwelt profitiert, und Wiesenbrüter, wie Braun- oder Blaukehlchen und andere Spezialisten finden dort wieder Lebensraum. Den besonderen Wert für die Biodiversität macht das Mosaik an verschiedenen Flächen mit nassen bis trockenen Standortbedingungen aus, wo sich überall Nischen für Spezialisten unter Pflanzen und Tieren finden. Zwar muss in den Folgejahren noch besonders bei den austriebsfreudigen Erlen nachgeschwendet werden, doch im Idealfall übernimmt dann das Jungvieh den Job, die Weideflächen offenzuhalten und die Alpenflora und -fauna vielfältig zu halten.

Schwenden sorgt für gute Lebensmittel
Artenvielfalt fördern, ein hochästhetisches Landschaftsbild erhalten, eine einzigartige Kulturform bewahren und damit sogar noch beste Fleischqualität produzieren - die Allmendweiden haben es in sich. Mehr noch: sie liefern beste Argumente für die besondere Qualität der Produkte, die dort entstehen. Guido Romor sieht darin enormes Potential, Vermarktungsstrategien für verschiedene Lebensmittel darauf aufzubauen. Auch könnte er sich vorstellen, Pferde, Ziegen und Jungvieh gemeinsam auf die Weiden zu stellen. Denn jedes Tier hat andere Fraßvorlieben und Verhaltensweisen, was wiederum die Pflanzenvielfalt auf den Weiden fördern würde. Deshalb setzt er auf die Innovationsfreude der Landwirte, damit die Allmendweiden auch die nächsten paar Jahrhunderte eine Zukunft als kulturhistorische Besonderheit haben.

Projektdaten

Projektgebiet
Regierungsbezirk: Oberbayern
Landkreis: Weilheim-Schongau
Gemeinden: Prem

Kontakt

Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern
Baudirektor Guido Romor
Infanteriestraße 1
80797 München
Telefon: 089 1213-1320
Mail: Guido.Romor@ale-ob.bayern.de

Oder:
Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern
Joachim Schmidt
Infanteriestraße 1
80797 München
Telefon: 089 1213-1321
Mail: joachim.schmidt@ale-ob.bayern.de

Literaturtipp:
Allmendweiden in Südbayern: Naturschutz durch landwirtschaftliche Nutzung (2004)
Herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz