Kleiner Schmetterling – Große Folgen an der Arnsberger Leite

Beweidungskonzept mit Angoraziegen und Krainer Steinschafen

Weiße langhaarige Angoraziegen stehen im Schnee auf der Arnsberger Leite.

Angoraziegen in ihrem Element.
© Familie Grimm

Was haben Angoraziegen, Krainer Steinschafe und der Schmetterlingshaft gemeinsam? Auf den ersten Blick eher nichts. Doch wenn man genauer hinschaut, umso mehr.
Denn alle drei Tierarten leben im Naturschutzgebiet (NSG) Arnsberger Leite. Auf dem süd- bis südwestexponierten Steilhang mit den aufragenden Dolomit-Felsen kommen generell viele verschiedene wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten vor. Entsprechend wertvoll und einzigartig ist dieses Gebiet aus Sicht der Artenvielfalt.

Erste Daten
Adam Geyer, Biologe und begeisterter Schmetterlingsforscher von Kindesbeinen an, kennt das NSG Arnsberger Leite seit den 1990ern und hatte seinerzeit zusammen mit seinem Kollegen Matthias Dolek dort die Schmetterlingsarten und ihre Individuendichte erfasst. Diese Daten sind heute eine wertvolle Grundlage, um Pflegemaßnahmen und deren Erfolg richtig einzuschätzen. Geyer berichtet: „Die Arten- und Individuenzahl ist seitdem stark zurückgegangen. Das schwierige Gelände wurde aus Angst vor Felssturz immer weniger beweidet. Büsche und Sträucher siedelten sich an, konnten ungestört wachsen und veränderten das Mikroklima am Boden. Entsprechend groß war die Gefahr, dass die Flächen komplett zuwachsen. Die Pflanzenarten des für die Arnsberger Leite typischen Lebensraumtyps „Fels-Steppe“, einem sehr warmen, mageren und trockenen Standort verschwanden mehr und mehr. In der Folge lebten immer weniger Insekten- und Schmetterlingsarten hier, weil sie und ihre Raupen keine Nahrung mehr finden konnten.“

Zeit zu handeln
2015 wurde Geyer (Gebietsbetreuer Altmühljura) mit der Erstellung eines Konzeptes zur Optimierung der Schafbeweidung im Landkreis Eichstätt durch die Untere Naturschutzbehörde (Herr Sachser und Herr Straßer) beauftragt. Christina Geith, die damalige Betreuerin des Naturschutzgroßprojektes Altmühlleiten, für das ebenfalls die Beweidung von Sonderstandorten optimiert werden sollte, kam zum Projektteam dazu.

Ziel aller Beteiligten war es, mit ausgewählten, klettergewandten Tierarten die felsigen Hänge von Büschen und Sträuchern zu befreien und so wieder offene Bereiche mit den früheren, extrem trocken-warmen Standortbedingungen zu schaffen. In Zusammenarbeit mit Uwe Sachser sowie mit Helmut Presser vom Bund Naturschutz in Bayern e.V. entstand ein Pflegekonzept, in dem fein und regelmäßig nachjustiert wird, wieviel Tiere für eine optimale Beweidung zu verschiedenen Zeitpunkten benötigt werden. Damit die Schafe und Ziegen nicht auf die im Tal verlaufende Straße gelangen, wurde bei der Regierung von Oberbayern eine Ausnahmegenehmigung für die Umzäunung des NSGs eingeholt. Der Bau wurde vom Landkreis Eichstätt mit Ersatzgeldern und Förderung durch den Bayerischen Naturschutzfonds durchgeführt.

Glückliche Zufälle
Glücklicherweise wurde mit der Ziegenschäferei von Doris und Wolfgang Grimm in Thalmässing ein Bio-Betrieb aus der Region gefunden, der sich auf die Erhaltungszucht von vom Aussterben bedrohten alten Haustierrassen (Schafe, Ziegen, Hühner und Gänse) spezialisiert hat. Hier werden im Bayerischen Herdbuch Angoraziegen, Krainer und Alpine Steinschafe und weiße hornlose Heidschnucken (Moorschnucken) gezüchtet. Außerdem halten die Grimms Burenziegen, Ungarische Zackelschafe und Bulgarische Schraubenhörnige Langhaarziegen aus Leidenschaft. Die Tiere weiden bereits in mehreren Naturschutzprojekten. Auf die Anfrage „Den Standort Arnsberger Leite pflegen und damit zu versuchen, den Apollofalter wieder anzulocken?“ kam vom Ehepaar Grimm sofort „Logisch!“. Obwohl das Gelände sehr steil und aus Sicht von Schäfer:innen gefährlich ist, stehen die Tiere der Ziegenschäferei nun auf der Arnsberger Leite. Sollte ihr Knabbern an den Bäumen und Sträuchern zu viel werden, können sie ganz schnell in den heimischen Stall umgesiedelt werden.

Jeden Nachmittag prüft der Ziegenwart Tobias Bertuleit vom benachbarten Landhotel zum Raben, ob es den Tieren gut geht, sorgt für Wasser, Salz-Lecksteine und Leckerlis und kontrolliert den Zaun. Bei Problemen benachrichtigt er sofort die Grimms. Auf die Frage nach seiner Motivation erklärt Bertuleit: „Der Kontakt zu den Tieren und der aktive Beitrag zum Naturschutz sind mir bei meiner Arbeit besonders wichtig.“

Ideale Partner für die Landschaftspflege
Die ursprünglich aus der Provinz Ankara aus Anatolien stammenden Angoraziegen sind perfekt an trockene und heiße Lebensbedingungen angepasst und klettern gerne. Familie Grimm beschreibt die Rasse als sehr ruhig und verträglich. „Extreme Unruhe und Unverträglichkeiten untereinander, wie das bei anderen Ziegenrassen sehr häufig ist, liegen ihnen fern. Es sind genügsame zierliche Ziegen, die ohne Kraftfutter gut wachsen können.“

Das Krainer Steinschaf, eine sehr alte, vom Aussterben bedrohte Milchschafrasse aus Slowenien ist der zweite emsige Landschaftspfleger. Grimms schätzen sie: „Diese Rasse ist sehr robust, genügsam und sehr ursprünglich. Sogar Ötzi hatte bereits so ein Fell bei sich. Das Krainer Steinschaf ist zwar den Leistungsrassen unterlegen, weil es kleiner ist. Dafür ist es viel unempfindlicher gegenüber Krankheiten und zieht seine Lämmer sehr vorbildlich auf.“ Denn in der Ziegenschäferei wachsen die Lämmer bei ihren Müttern auf.

Beide Rassen knabbern die unteren Bereiche von Sträuchern bis zu einer Höhe von drei Metern an, kommen mit steilem Gelände zurecht und eignen sich hervorragend für die Landschaftspflege an der Arnsberger Leite.

Nutznießer Schmetterlingshaft und Apollofalter
Der Schmetterlingshaft (Libelloides coccajus) aus der Familie der Netzflügler mag es gerne warm. Er fliegt im Sonnenschein und jagt kleinere Insekten, die er im Flug verspeist. Auf Kalkmagerrasen mit offenen Stellen herrscht für ihn und seine Nachkommen genau das richtige Klima. Daher verschafft ihm die landschaftspflegerische Beweidung passende Lebensräume, für die er außerdem als Zeigerart steht. Zeigerarten weisen auf das Vorhandensein oder Fehlen bestimmter Lebensbedingungen hin, die für andere Arten ebenfalls wichtig sein können. Im Falle der Arnsberger Leite teilen sich Schmetterlingshaft und Apollofalter (Parnassius apollo) die Vorliebe für offene bodenwarme Standorte. Damit sich der Apollofalter jedoch hier wirklich wieder ansiedeln und wohlfühlen kann, müssen noch weitere Parameter stimmen: Seine Raupen ernähren sich vom Weißen Mauerpfeffer (Sedum album), der nur an offenen Felsen ohne Gras- und Erdauflage das notwendige Kleinklima bereitstellen kann. Die Schafe und Ziegen schaffen durch den Gehölzverbiss und durch den Abtritt der Gras- und Erdauflage diese offenen Stellen für den Mauerpfeffer, den dann hoffentlich ein umher schwärmender Apollofalter in naher Zukunft für seine Eiablage entdeckt und die Arnsberger Leite wieder besiedelt.

Untere Naturschutzbehörde
Landratsamt Eichstätt
Residenzplatz 2
85072 Eichstätt
www.landkreis-eichstaett.de
Bund Naturschutz in Bayern e.V.
Ostenstraße 12
85072 Eichstätt

Dipl.-Biol. Adam Geyer
Gebietsbetreuer Altmühljura
96049 Bamberg
Volkfeldstr. 39
E-Mail: adi.geyer@posteo.de

Ziegenschäferei
Doris und Wolfgang Grimm
Reinwarzhofen 11/1
91177 Thalmässing
http://www.simsberg.de/

Landhotel zum Raben
Schloßleite 1
85110 Kipfenberg-Arnsberg
www.zum-raben.de/

Landschaftpflegeverband Landkreis Eichstätt e.V.
Rebdorferstraße 2
85072 Eichstätt
www.lpv-ei.de

08.02.2022

Regierungsbezirk: Oberbayern