Das Himmelszelt, das sich auftut, ist einfach gigantisch

Oberelsbach bei Nacht

Seit der Markt Oberelsbach seine Straßenbeleuchtung sternenparktauglich umgestellt hat, hat die nordbayerische Gemeinde in der Rhön in vielerlei Hinsicht gewonnen. Wenn sich die Kosten für die Umrüstung schon nach wenigen Jahren amortisiert haben, wird das neue energiesparende Leuchtsystem die Gemeindekasse deutlich weniger belasten. Der Nachthimmel zieht schon heute viele Besucher an und die neue LED-Beleuchtung fordert keine Insektenopfer mehr. Und das Wichtigste ist: Der Markt Oberelsbach trägt damit zu einer natürlichen Nachtlandschaft bei, die ein wichtiges Element für funktionierende Ökosysteme in der Rhön ist.

06.03.2020

Regierungsbezirk: Unterfranken

Neues Beleuchtungssystem
Wie in vielen anderen Orten stand auch im Markt Oberelsbach 2013 eine Erneuerung der Straßenbeleuchtung an. Die vielen unterschiedlichen Leuchtsysteme, für die es auch kein Zubehör mehr gab, sollten zu einem einheitlichen, zeitgemäßen Straßenbeleuchtungsnetz werden. Gleichzeitig ist das UNESCO-Biosphärenreservat Rhön als internationaler Sternenpark ausgezeichnet, und da es im Markt Oberelsbach immer gute Ideen gibt, stimmte die Gemeinde ihr neues Beleuchtungskonzept darauf ab, auch die Kriterien des Sternenparks zu erfüllen. Das bedeutete: kein weithin sichtbarer Leuchtkegel über der Ortschaft und keine Dauerbeleuchtung, mit der die Nacht zum Tag wird. Das ist wichtig für Zugvögel, von denen viele nachts unterwegs sind, und für den Rhythmus der tag- und nachtaktiven Tiere.

Gezielt beleuchten
Doch: „Sicherheit geht vor“, sagt Bürgermeisterin Birgit Erb, „das war meine oberste Bedingung“. Mit einigem Tüfteln und mit dem richtigen Hersteller gelang es aber, den Ort so auszuleuchten, dass niemand im Dunkeln steht und die Nachtlandschaft trotzdem kaum gestört wird. „Wir schalten die Straßenbeleuchtung nicht aus“, erklärt die Bürgermeisterin, „sondern reduzieren sie zu bestimmten Zeiten. Die LED-Beleuchtung wird am späten Abend auf 70 bis 75 % der Leuchtkraft gedimmt, spät in der Nacht auf 35 %, und gegen Morgen fährt sie wieder auf 100 % hoch“. Das variiert je nach Haupt- und Nebenstraßen. Auch gibt es nur warmweißes Licht, die Beleuchtung strahlt ausschließlich nach unten und satinierte Lampengläser verhindern ein Blenden. Außerdem lassen sich die einzelnen Leuchtmodule variabel nach Bedarf justieren.

Wie wirkt sich das auf den Ort aus?
Für den Sternenpark Rhön ist der Markt Oberelsbach ein Vorzeigemodell dafür, wie Gemeinden gegen Lichtverschmutzung aktiv werden können. Bauhofleiter Michael Sperl hat beobachtet, dass es keine toten Insekten mehr in den Leuchtkörpern gibt. Vielmehr bauen Spinnen ihre Netze daran. Dank einer Energieeinsparung von rund achtzig Prozent schont das neue Leuchtsystem Ressourcen und senkt auch noch den CO2-Ausstoß der Gemeinde um rund 100 Tonnen jährlich. Kathrin Scholz, Tourismus- und Nachhaltigkeitsbeauftragte der Gemeinde, bringt es auf den Punkt: „Naturschutz endet oft mit dem Einsetzen der Nacht, dabei ist das eine 24-Stunden-Aufgabe. Das ist im Markt Oberelsbach nun umgesetzt.“ Dass die Bevölkerung in allen fünf Gemeindeteilen von Anfang an überzeugt hinter dem Projekt stand, freut die Bürgermeisterin sehr. Mittlerweile sind die Oberelsbacher sensibilisiert und bemerken eher die Lichtverschmutzung hellerleuchteter Orte. Kathrin Scholz bringt es auf den Punkt: „Das Himmelszelt, das sich jetzt hier auftut, ist einfach gigantisch.“

Ein Unterschied wie Tag und Nacht
Die Umweltbildungsstätte Oberelsbach hat mittlerweile Sternenführungen als Bildungsmodul im Programm. Per App werden Sternenbilder bestimmt und die Gäste erleben nun den Unterschied zwischen herkömmlich beleuchteten Gemeinden, der sternenfreundlichen Ausleuchtung im Markt Oberelsbach und der freien Natur. „Wir wollen das niemanden mit erhobenem Zeigefinger aufdrängen“, sagt Birgit Erb, „aber die Besucher erleben den Unterschied jetzt selbst.“ Einen „Sternentourismus“ möchte man in der Rhöngemeinde aber nicht haben, „dazu sind unsere Naturschutzbereiche viel zu sensibel“, gibt die Bürgermeisterin zu bedenken. Deshalb werden alle Angebote, wie „Sternenplätze“, die einen guten Ausblick bieten, gut gelenkt sein. Der natürliche Hell-Dunkel-Takt der Nacht, den Tiere und Pflanzen, aber auch die Menschen brauchen, ist mehr als eine Gästeattraktion. Im Markt Oberelsbach ist er ein weiterer Baustein, der den Stellenwert der Natur für die Gemeinde verkörpert.


Was noch interessant zu wissen ist:
„Natur erhalten – Zukunft gestalten“, das ist das Motto, unter dem die Gemeinde ihr Konzept der Nachhaltigkeit verfolgt. Und zwar schon seit Jahrzehnten. Für seine Vorbildfunktion wurde der Markt Oberelsbach 2018 durch die deutsche UNESCO-Kommission im Rahmen des Weltaktionsprogramms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet. Hier entstand das erste bayerische Naturschutzinformationszentrum, die heutige Umweltbildungsstätte Oberelsbach ist weithin bekannt. Rund 60 % der Gemeindefläche ist Naturschutzgebiet, die „Lange Rhön“ ist das größte Schutzgebiet außerhalb des alpinen Bereichs in Bayern. Der Markt Oberelsbach liegt mitten in diesem „Hotspot der Biodiversität“ und bietet gemeinsam mit der Umweltbildungsstätte ein breitgefächertes Programm zu Natur- und Umweltthemen an. Als nächstes Projekt plant die Gemeinde, alle kommunalen Gebäude sukzessive auf eine intelligente Beleuchtung umzustellen und damit Energie einzusparen. Beim Rathaus und der Turnhalle gibt es bereits gute Erfolge damit. Delegationen aus Süd- und Ostbayern waren schon da, um sich von den vielen guten Ideen Oberelsbachs anstecken zu lassen.


Kontakt:
Markt Oberelsbach
Bürgermeisterin Birgit Erb
Marktplatz 3
97656 Oberelsbach
E-Mail: birgit.erb@oberelsbach.de
Tel.: 09774/9191-0
www.oberelsbach.de